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Ding und Mensch in der Antike. Gegenwart und Vergegenwärtigung.
Interdisziplinäres Symposion

18. und 19 Januar 2008
Akademie der Wissenschaften, Heidelberg

Seit dem Wegbrechen des klassischen humanistischen Bildungsideals ringen die Altertumswissenschaften um neue Formen der Vergegenwärtigung der Antike. Die einzelnen Disziplinen haben sich im Zuge ihrer Entwicklung zu Kulturwissenschaften diesem Bedürfnis unterschiedlich genähert. Die Klassische Archäologie etwa hat sich naturgemäß zunächst um die materiell faßbaren Hinterlassenschaften – die Welt der Objekte – bemüht. Unter dem Schlagwort 'Kontextualisierung' suchte sie den Dingen wieder einen Platz im Sinngefüge der antiken Lebenswelt zuzuweisen und so der Jahrhunderte lang betriebenen Vereinzelung der museal isolierten oder in Handbüchern zu Objektgattungen klassifizierten Gegenstände entgegenzuwirken. Am Wesen des Dinges selbst zeigte sich die Kontextforschung allerdings nur eingeschränkt interessiert. Vielmehr unterwarf sie sich semiotischen – letztlich dualistischen –Interpretationsmodellen, in deren Rahmen Gegenständen, Bildern wie Architekturen die bloß passive Funktion der Abbildung, Spiegelung und Bestätigung eines ideell und sprachlich vorformulierten, vorausliegenden menschlichen Ordnungssystems zukam: als 'Geräte' etwa definieren Objekte Raumfunktionen, als 'Wertträger' sind sie Zeichen des Anspruchs auf soziale Distinktion, als 'Kommunikationsträger' Ausdruck ideologischer Botschaften. Eine derart ausschließlich konstruktivistische Sicht einer vom Menschen als bedeutungshaltig konzipierten, semantisierten Welt erwies sich jedoch als unbefriedigend: als einseitig und statisch, d.h. für die Beschreibung eines dynamischen Wechselverhältnisses von Mensch und Welt als ungeeignet.

Im geplanten Symposion möchten wir eine andere Konfiguration von Mensch und Welt zum Thema machen. Welt soll hierbei sehr konkret verstanden werden – als vom Menschen gestaltete Dingwelt (). Dabei geht es um eine neue Perspektive: wir wollen die Beziehung auf die Dinge nicht als einen ausschließlich vom Menschen (d.h. den antiken Gesellschaften) hergestellten Zugriff beschreiben, sondern vielmehr in phänomenologischer Tradition im Sinne eines dynamischen Interagierens zwischen Ding und Mensch, innerhalb dessen der Dingwelt selbst ein aktiver Part zukommt. Daß wir für die Umschreibung der gegenständlichen Welt auf den Begriff des 'Dinges' (welcher kein antikes Äquivalent besitzt!) zurückkommen, ist kein Zufall, sondern Programm. Zu einem Leitbegriff phänomenologischer Philosophie ist das Ding mit Edmund Husserls Aufruf 'Zurück zu den Sachen' geworden. Für Rainer Maria Rilke (Brief an B. Hulewicz, 1925), Francis Ponge ('Einführung in den Kieselstein'), Martin Heidegger ('Die Technik und die Kehre') und Jean-Paul Sartre ('Der Mensch und die Dinge') wurde die unmittelbare Präsenz des Dinges (la chose) zum Ausweg aus einem idealistischen Verständnis, dem die empirische Welt nichts anderes ist als ein Vorstellungsakt der menschlichen Vernunft. Gegenüber seinen Alternativen – Artefakt, Gegenstand oder Objekt – hat der Begriff des Dinges den Vorzug, nicht von vornherein auf das menschliche Vorstellen hin entworfen zu sein: er bewahrt Autonomie.

Wolfram Hogrebe hat im Rahmen der vorletzten Gadamer-Professur (Heidelberg) in diesem Zusammenhang auf eine wichtige Tatsache hingewiesen: Die mediale Form des griechischen Begriffes der Wahrnehmung, des (ich nehme mir/für mich wahr) beinhaltet einen Selbstbezug, setzt somit bereits eine Ich-Welt-Beziehung voraus. Im antiken Erlebens-Raum ist die subjektive Wahrnehmung demnach immer schon vermittelt über die intersubjektive Begegnung mit einem anderen Du/Ding, das an der Wahrnehmung als ebenso teilhabend vorgestellt wird wie der wahrnehmende Mensch/Subjekt.
Die antike Überlieferung selbst bietet zahlreiche anschauliche Beispiele, in denen das Lebendigsein und Mit-Lebendigsein der Dinge zum Ausdruck gebracht ist. Daß in der Antike ein Dialog von Mensch und Ding – zugunsten des Dings – stattfindet, davon zeugen nicht nur die zahllosen Belege aus der Dichtung, in denen Gegenstände als Du angesprochen werden (etwa die berühmte Apostrophé der Spindel im 28. Idyll des Theokrit), davon sprechen auch die kunstvoll () verfertigten Objekte selbst: Geschirr bezeichnet sich als ich (), die Grabstatue sagt Du zum Reisenden ('Bleib stehen und jammere beim Sema des Kroisos'). Doch die Dinge realisieren sich nicht allein durch die Aneignung von Sprache: sie leuchten, sie bewegen sich, sie handeln. Das prometheische Lebendigmachen von 'Kunst'-Gegenständen ist ein alter Topos, nicht nur der ekphrastischen Literatur: schon das Weltbild des für Achill geschaffenen göttlichen Schildes sprengt die eigenen Grenzen, indem es hörbar und beweglich wird. In den xenophontischen Werkstattgesprächen (Xen. mem. III 10) affirmiert Sokrates die Macht der Bildwerke: das, was die Seele des Menschen am meisten bewege (), sei an den Statuen ihr 'Als-Lebendiges-Erscheinen' (). Kunsttheoretische Schriften der Antike sind zwar in großen Teilen verloren, doch entwickelt die antike Rhetorik eine Theorie der Vergegenwärtigung von Welt in Sprache, deren Übertragung auf die Objekt- und Bildwissenschaften von großem Gewinn sein kann. Zentraler Terminus seit dem Hellenismus ist , in dem der Begriff (glänzend, schimmernd) enthalten ist (lat. evidentia oder inlustratio: Quint. inst.or. VI 2, 32; VII 3, 61). Ihr Ziel erreicht die Rhetorik, wenn es ihr gelingt, mit sprachlichen Mitteln Sachverhalte und Gegenstände zur Evidenz (zum Leuchten) zu bringen und derart die Affekte der Zuhörer zu bewegen. Wesentlicher Bestandteil der enargeia ist weniger die Detailtreue und Vollständigkeit als die Sinnlichkeit der Schilderung und vor allem – so Aristoteles (Rhet. 1411b 24ff.) – die energeia (Aktivität): belebt () erscheinen die Dinge dann, wenn sie als selbst aktiv handelnde () präsentiert werden. Vergleichbare Strategien einer Selbst-Freilegung von enargeia verfolgt auch die Objekt- und Bildwelt der Antike: Kiesel sprechen, Kessel blicken, Henkel halten sich selber fest, Lampen tragen sich herbei, Säulen und Karyatiden tragen die Last des Gebälks, Aphroditefiguren erschrecken vor dem Betrachter, Kaiserbildnisse üben Macht aus, wo der Kaiser nicht selbst präsent ist.
Ziel des Symposions ist es zu diskutieren, inwiefern Gegenstände als rhetorisch aktives, auf die menschliche Wahrnehmung zugehendes Gegenüber verstanden worden sind. Im Zentrum der Diskussion werden die unterschiedlichen Formen der Belebtheit antiker Dingwelt stehen – Belebtheit in Form von Sprache und Bild, von Licht und Glanz, von Aktion und Reaktion oder Selbst-Bezug –, sowie die Wirkung von Gegenständen auf das menschliche Empfinden und Handeln. So verhelfen die Dinge auch dem Menschen zu einer gesteigerten Gegenwartserfahrung.

Das interdisziplinäre Symposion vereint Referentinnen und Referenten aus der Klassischen Archäologie, der Klassischen Philologie, der Alten Geschichte, der Kunstgeschichte, der Philosophie, der historischen Ethnologie und der Psychologie.